Wie es zu jener Zeit im Herbst 1914 im Sundgau aussah, beschreibt der Autor der Regimentsgeschichte des Landwehr-Feldartillerie-Regiments Nr. 8:

„Es ist kaum glaublich. Ich stehe hier unter den prangenden Kastanienbäumen, und blicke über das wellige Land. Unter mir, fast unmittelbar vor der Stadt, liegen unsere Stellungen. Deutlich unterscheidet man ihre Linien, und noch ein wenig weiter westlich, dort drüben am Waldrand, liegen die ersten Schützengräben der Franzosen, mit bloßem Auge erkennbar. An dem Waldhaus, in dem einer ihrer vorgeschobenen Posten sitzt, kann das Auge den Umriss von Dach, Fenstern und Tür genau verfolgen. Aber nichts regt sich. Kein Schuss ertönt. Tiefster Friede scheint ringsum gebreitet. Die Hügel und Felder leuchten im kühlen Glanz der Frühherbstsonne. Was hat das zu bedeuten? Was will die unheimliche Ruhe? Der Franzose schießt nicht nach Altkirch hinein. Er weiß warum (...). Sie wissen genau, dass eine Beschießung von Altkirch sofort die Folge nach sich zöge, dass unsere Batterien ihren Stützpunkt Dammerkirch vornehmen würden, der nur wenige Kilometer westlich liegt. Und so bleibt alles still.

In der hübschen Kreisstadt Altkirch geht alles seinen gewohnten Gang. Die Geschäfte sind geöffnet. Die Menschen versehen ihren Beruf, gucken zum Fenster hinaus, schwatzen lachend oder wichtig vor den Haustüren. In den Wirtshäusern bekommt man ein vorzügliches Bier, ein Butterbrot mit selbstbereiteter Gänseleber und ein anderes mit dem letzten Vorrat vom berühmten Münsterkäse. Die jungen Mädchen auf der Strasse kichern, wenn man sie interessiert anblickt, und drehen sich an der nächsten Ecke um. Kurz, es ist, als pfeife die ganze Bevölkerung darauf, dass draußen vor den Toren „die Kriegsfurie tobt“.

Ruhig, ein bisschen schläfrig fast, liegt das Städtchen da. Auf der Höhe des alten Burgberges liegt, in einem dichten Kranz schöner Bäume gebettet, das Gymnasium. Von seinen Klassenzimmern muss man eine herrliche Aussicht haben. Ruhig lädt die mächtige Kirche die Gläubigen zum Gebet, die, wie die Jahreszahl meldet, Anno 1850 „unter der französischen Republik“ an Stelle des uralten Kirchleins aufgebaut wurde, das dem Orte einst seinen Namen gab. Ruhig blickt das stattliche Rathaus mit der sonderbaren Glocke im offenen Dachreiter, blicken die Patrizierhäuser des Marktplatzes den Fremden an (...). Nein, diese einstige Hauptstadt des Sundgaus lässt sich nicht so leicht aus der Fassung bringen. Sie wahrt ihre Gemächlichkeit (...).

Treppenhaus im Bahnhof

Und draußen liegt der Tod im Hinterhalt. Er hat sogar erst kürzlich in unmittelbarer Nähe der Häuser angeklopft. Drunten, am Fuß des Hügels, im Illtal, der Bahnhof; der war und ist den Franzmännern ein Dorn im Auge. Warum, ist nicht recht verständlich; denn kein Mensch wird einen Bahnhof vor den Augen des Feindes benutzen. Macht nichts, sie funken munter hinein, und er macht nun in der Tat einen bedürftigen Eindruck. Seine Baulichkeiten sind samt und sonders zerstört, von Geschossen zerfetzt, im Innern von Geröll angefüllt. Es ist eine höchst demokratische Station geworden: Der Wartesaal 1. und 2. Klasse unterscheiden sich durch nichts von dem 3. und 4. Klasse, da beide aus Schutthaufen bestehen. Selbst der abseits gelegene Ort der Beschaulichkeit ward ein Opfer des unausgesetzten Bombardements. Seine Schottenwände sind zertrümmert, und in komischer Offenherzigkeit grüßen sich die sonst getrennten Zellen. Auf dem Bahnsteig, dessen Boden mit Glasscherben übersät ist, ist sogar noch vom Juli 1914 her ein Signal aufgezogen: „Belfort“ (...). Jawohl! Der Verkehr auf dieser Strecke ist gegenwärtig eingestellt. Wegen Betriebsstörung. Und man denkt an die gar nicht mehr vorstellbaren Zeiten, da man von diesem reizenden Bahnhöfchen ohne weiteres, ohne Ausweis und gar ohne Pass in einer Viertelstunde über die Grenze fahren und einen Nachmittagsausflug in die französische Festung machen konnte. Man kaufte sich einfach ein „Billet“. „Einsteigen nach Belfort!“ rief der Portier, und man reiste hinüber. Abends war man wieder zurück. Merkwürdige Zeiten! (...). 

Auch in den benachbarten Kirchhof am Berghang jenseits der Ill trällerten die Granaten, wenn sie den Bahnhof verfehlten. Auch weiter südlich in den Weg nach Carspach, wenn die Arbeiter dort in die Fabriken wanderten; mehreren, auch Frauen, hat diese sinnlose französische Schiesserei das Leben gekostet. Aber sonst ist – Stille. Wird sie bleiben? Wird in dieser Südecke des Elsass, im Vorlande des alten Völkertors von Belfort, der Stellungskrieg sich weiter in Permanenz erklären? Oder ist es nur eine Stille vor dem Gewitter, ein Atemhalten vor dem Sturme? Auswärtige Blätter gefallen sich seit einiger Zeit mit allerlei Andeutungen, als sollte die Erde des Sundgaues aufs neue Ströme roten Blutes zu trinken bekommen. Sie reden gar geheimnisvoll von französischen Verstärkungen, von Italienern, von Marokkanern. Ob das, was sie melden und an Betrachtungen daran knüpfen, einen Sinn hat, wird die nächste Zukunft lehren. Komme, was da kommen mag: die deutschen Linien sind auf den gebührenden Empfang jedes Gastes vorbereitet.“ 

Bereits in den Tagen vom 6. bis 14. Dezember 1916 wurden Altkirch und sämtliche Ortschaften längs der Front im Oberelsass geräumt und die Bewohner, soweit sie noch nicht im Hinterland weilten, über den Rhein in Sicherheit gebracht.