Als Elsässer an der Heimatfront oder: Auf Posten vor Ober-Sept

Schilderung einer Episode an der Sundgaufront durch einen Regiments-Kommandeur:

"(...) aber in der eigenen Heimat Krieg zu führen, ging über ihr Wollen und Können. Da diese Frage im Verlauf meiner Schilderungen noch öfters erwähnt werden wird, möchte ich einen Vorfall vorwegnehmen, der deutlich zeigt, in welch seelische Konflikte diese aus dem Sundgau stammenden Elsässer verwickelt wurden:

Es war 1915 im Stellungskrieg. Das Regiment lag dicht vor der französischen Grenze, die es nicht mehr hatte erreichen können, in der Linie östlich Largitzen bis zum vorspringenden „Schweizer Zipfel“, in einer Ausdehnung von über 10 km, ohne jede Reserve dahinter, fest. Die Franzosen gegenüber auf der westlichen Seite des Larg-Tales, hauptsächlich in Ober-Sept, das wir anfangs Oktober 1914 genommen, aber infolge unserer nummerischen Schwäche nicht halten konnten.

Bei meinem täglichen Abgehen der Schützengräben des Regiments traf ich nun einmal diesem Dorfe gegenüber einen Posten, der anstatt vorschriftsmäßig zu melden, tiefsinnig vor sich hin starrte. Ich weckte ihn aus seinen Träumen durch einen scharfen Hinweis auf seine Pflichten, merkte aber bald, dass mit dem Mann irgendetwas besonderes los war.

Nein, krank sei er nicht, erwiderte er auf meine Frage, auch habe er über nichts zu klagen. Nur Heimweh habe er, gab er zu. Das haben wir schließlich alle, bedeutete ich ihm, und frug dann weiter, ob er verheiratet sei und Kinder habe. Auch das stimmte, aber als ich wissen wollte, wo seine Familie lebe, da deutete er auf Ober-Sept und sagte mit tränenerstickter Stimme: „Da drüben, Herr Oberst!“